#6: Mein eigenes „Hakuna Matata“: Warum uns eine Schutzblase retten kann – und warum wir sie irgendwann verlassen müssen

Wer mit Disney aufgewachsen ist, kennt die Hymne der absoluten Unbeschwertheit: Hakuna Matata. Ein Lied, das nach Sommer, Sonne und unkompliziertem Glück klingt. Jahrezehntelang war dieser Song für mich genau das: ein absolut positiv besetzter Soundtrack für das unbeschwerte „Lebe den Tag“.

Doch wenn man genauer hinschaut, hat diese Lebensphilosophie eine faszinierende Doppelbödigkeit. Sie ist gleichzeitig eine Rettung und eine Falle. Und als ich vor einiger Zeit an einem Punkt war, an dem psychisch gar nichts mehr ging, habe ich mein ganz persönliches Hakuna Matata erlebt – nicht in einer afrikanischen Steppe, sondern auf einer Station für Psychotherapie.

Als der emotionale Druck in meinem Leben zu groß wurde und ich sprichwörtlich zusammengebrochen bin, führte mich mein Weg in eine Klinik. Drei Monate verbrachte ich dort auf einer Station für Psychotherapie.

Im Rückblick weiß ich: Diese drei Monate waren mein Hakuna Matata.

Genau wie der junge Simba nach seinem schweren Trauma in der Wüste zusammenbricht und von Timon und Pumbaa aufgelesen wird, brauchte auch ich einen Ort, der mich komplett aus der Schusslinie nahm. Die Station war meine Oase. Ein geschützter Raum, in dem die laute, fordernde Welt draußen bleiben musste.

Dort ging es im ersten Schritt gar nicht darum, sofort die ganze Welt zu retten oder perfekt zu funktionieren. Es ging darum:

  • Den Ballast des Alltags loszulassen.
  • Sich im geschützten Rahmen wieder aufzurichten.
  • Buchstäblich wieder laufen zu lernen.

In einer solchen Oase bleibt man natürlich nicht lang allein. Ich habe dort Menschen getroffen, die zu meinen ganz persönlichen Timon und Pumbaa wurden. Freunde, die mich nicht bewertet haben. Die nicht gefragt haben, was ich im Leben schon geleistet habe, sondern die mich einfach so angenommen haben, wie ich in diesem Moment war: erschöpft, suchend, echt.

Zusammen haben wir eine Schutzblase gebaut. Und genau wie Simba erging es mir am Ende der drei Monate: Ich wollte dort eigentlich gar nicht mehr weg.

Warum auch? Die Blase war sicher. Sie war warm. Drinnen gab es Verständnis und Mitgefühl, draußen warteten die alten Probleme, die Realität und die Verantwortung. Aus dem gesunden Schutzraum kann unbemerkt ein Ort der Vermeidung werden, wenn das Schmerzmittel so gut wirkt, dass man die eigentliche Wunde vergisst.

Aber eine Oase ist eine Raststätte, kein dauerhaftes Zuhause. Simba musste irgendwann einsehen, dass sein Versteckspiel seine Vergangenheit nicht ungeschehen macht. Und auch für mich kam der Tag, an dem ich die Klinik verlassen und die Schutzblase platzen lassen musste.

Der Schritt zurück ins echte Leben war verdammt beängstigend. Die Welt da draußen hatte sich ja nicht verändert. Aber ich hatte mich verändert.

Ich habe verstanden, dass ich meine Vergangenheit nicht auslöschen kann – und auch nicht mehr bemänteln muss. Sie anzunehmen, aus ihr zu lernen und die alten Narben als Teil meiner Geschichte zu akzeptieren, war der einzige Weg, um meine Zukunft neu und aktiv zu gestalten.

Das Schmerzmittel hat mir geholfen, die schlimmste Zeit zu überstehen. Aber erst das Absetzen des Mittels und der mutige Schritt vor die Tür haben mir erlaubt, wieder wirklich am Leben teilzunehmen.

Heute weiß ich, dass beide Seiten von Hakuna Matata ihre Berechtigung haben. Es ist absolut überlebenswichtig, sich eine Auszeit zu nehmen, wenn die Seele streikt. Wir brauchen Phasen, in denen „keine Sorgen“ die oberste Priorität hat.

Aber der eigentliche Mut beweist sich dann, wenn wir die Kraft aus dieser Oase mitnehmen, um unseren eigenen Felsen zu besteigen. Die Vergangenheit zu akzeptieren bedeutet nicht, dass sie uns kontrolliert – sie ist das Fundament, auf dem wir heute stehen.

Der Sturm hat sich gelegt. Die Schutzblase hat ihren Dienst getan. Jetzt ist es an der Zeit, den eigenen Platz im Leben einzunehmen, laut zu denken und bereit zu sein für die nächsten, ganz realen Abenteuer.

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