#22: Raus aus dem Wartezimmer: Warum ich seit Jahren denselben Poetry Slam höre

Es gibt Texte, die hört man einmal, findet sie nett und vergisst sie wieder. Und dann gibt es Texte, die begleiten einen über Jahre. Sie wachsen mit einem mit. Jedes Mal, wenn ich in einer nachdenklichen Stimmung bin, drücke ich auf Play und höre mir einen ganz bestimmten Auftritt an: „One Day“ von Julia Engelmann.

Vielleicht kennst du das Video vom Bielefelder Campus TV, das damals viral ging. Doch während der Text für viele nur ein kurzer Internet-Hype war, ist er für mich zu einem persönlichen Wegweiser geworden. Er hat mir in den letzten Jahren immer wieder den Spiegel vorgehalten und mir dabei geholfen, meine eigenen Blockaden zu verstehen – und sie schrittweise aufzubrechen.

Heute möchte ich die wichtigsten Botschaften aus diesem Text mit dir teilen. Weil ich glaube, dass wir fast alle im selben Boot sitzen.

1. Die Anatomie unserer eigenen Blockade

Kennst du diesen Teufelskreis, wenn der Kopf einfach nicht aufhören will zu rotieren? Julia Engelmann bringt das in zwei Zeilen auf den Punkt, die mir früher oft eine Gänsehaut verpasst haben:

„Ich denke zuviel nach, ich warte zu lange ab, ich nehme mir zu viel vor und mache davon zu wenig. Ich halte mich zu oft zurück, ich zweifel alles an, ich würde gerne so vieles sagen, aber bleibe meistens stumm.“

Das ist die perfekte Beschreibung für ein inneres Hamsterrad. Wir nehmen uns gigantische Dinge vor, der Perfektionismus schaltet sich ein, wir fangen an zu zweifeln und am Ende steht die Lähmung: das Stummbleiben und Nichthandeln.

Ich kenne das von mir selbst nur zu gut. Alles musste immer perfekt sein. Und wenn es das gefühlt nicht war, habe ich es lieber direkt wieder verworfen oder gar nicht erst angefangen. Man entscheidet sich für das vermeintlich sichere Mitlaufen, um nicht anzuecken. Aber das Ungesagte verschwindet nicht – es implodiert im Inneren.

2. Die Lebenslüge im Wartezimmer

Der wohl härteste Weckruf des ganzen Slams steckt in einer scheinbar einfachen Metapher:

„Das Leben ist wie ein Wartezimmer, aber niemand ruft uns auf.“

Wir sitzen oft da, halten uns zurück und warten auf eine höhere Instanz. Auf den perfekten Moment, auf die Erlaubnis von außen, auf die absolute Sicherheit oder darauf, dass jemand vorbeikommt, uns entdeckt und uns die Anerkennung schenkt, nach der wir uns sehnen.

Aber die Wahrheit ist: Es gibt da draußen niemanden, der eine Liste führt. Niemand wird dich aufrufen. Es gibt keine Jury, die dir irgendwann das Mikrofon in die Hand drückt. Wenn du darauf wartest, bleibst du für immer im Wartezimmer sitzen. Ich habe für mich beschlossen: Ich will nicht mehr warten, bis mich jemand aufruft. Die Erlaubnis, den Raum einzunehmen, müssen wir uns selbst geben.

3. Das schmerzhafte „Fast“

Wenn wir uns hinter unseren Masken verstecken und aus Angst vor Ablehnung stumm bleiben, zahlen wir einen verdammt hohen Preis. Wir verpassen die echte Nähe zu anderen Menschen:

„Fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die gleichen, und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten, und dass wir bloß faul und feige waren, werden wir verschweigen.“

Wir laufen mit unseren Schutzfassaden durch die Welt und übersehen, dass die anderen genau dieselbe Unsicherheit in sich tragen. Und am Ende erfinden wir im Rückblick noble Ausreden, warum Dinge nicht geklappt haben. Dabei waren wir oft einfach nur zu bequem (faul), um die Komfortzone zu verlassen, und hatten zu viel Angst (feige), uns authentisch zu zeigen. Wer aber die Maske nicht fallen lässt, kann auch niemals für sein echtes Ich geliebt und anerkannt werden.

4. Das Manifest der Lebendigkeit

Gegen Ende reißt der Text das Steuer komplett herum und verwandelt die Melancholie in pure Selbstbestimmung. Und genau das ist die Hoffnung, die ich dir heute mitgeben möchte:

„Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen und jetzt schon gutes säen, damit wir später gutes ernten. (…) Denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen, also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen.“

Wir haben in Wahrheit nie etwas zu verlieren, weil wir die Sicherheit, an der wir uns festklammern, am Ende ohnehin nicht behalten können.

Deshalb habe ich meinen Perfektionismus gegen die Erlaubnis, Fehler zu machen, eingetauscht. Fehler sind kein Versagen – sie sind der Beweis dafür, dass wir aktiv am Leben teilnehmen. Es geht darum, vom fremdbestimmten „Ich muss“ in ein selbstbestimmtes „Ich kann“ zu kommen.

Mein Fazit für dich

Schalt dein gedankliches Mikrofon ein. Warte nicht auf den perfekten Moment und erst recht nicht darauf, dass dich jemand aufruft. Geh raus, sei unperfekt, mach Fehler, aber mach sie selbstbestimmt.

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