Manchmal lese ich einen älteren Beitrag auf diesem Blog und denke mir völlig unverfroren: Mensch, der Typ hat echt Ahnung. Schade, dass ich so selten auf ihn höre.
Wenn man meine Texte liest, könnte man leicht glauben, hier schreibt jemand, der das Leben und die eigene Psyche bis ins kleinste Detail durchschaut hat. Ein kleiner, privater Zen-Meister, der souverän durch den Alltag schwebt. Die ungeschminkte Realität sieht allerdings eher so aus: Am Dienstag verfasse ich einen tiefgründigen Artikel über Gelassenheit und Selbstmitgefühl – und am Donnerstag bringt mich ein völlig banal fehlgeschlagener Plan kurz vor den Rand der Verzweiflung. Zwischen „Ich habe ein Problem intellektuell verstanden“ und „Ich wende das im echten Leben auch tatsächlich an“ liegt nun mal die Grand-Canyon-große Kluft der menschlichen Gewohnheit.
Genau deshalb tue ich etwas, das auf den ersten Blick verdammt selbstverliebt wirkt: Ich lese meine eigenen Beiträge immer wieder durch. Und ich höre mir meine eigenen Sprachaufnahmen an.
Nicht, weil ich mich selbst so umwerfend finde, sondern aus reiner Notwehr. Der Typ, der den Text am Schreibtisch verfasst hat, war in diesem Moment schlichtweg wesentlich klarer im Kopf als der Typ, der heute versucht, unfallfrei durch den Tag zu kommen. Wenn mir andere Menschen Ratschläge geben, schaltet mein Ego gerne mal auf stur: „Du weißt doch gar nicht, wie sich das in mir anfühlt!“ Aber meiner eigenen Stimme aus einem klaren Moment kann ich das schlecht vorwerfen. Ich werde sozusagen von mir selbst auf frischer Tat ertappt.
Es ist die hohe Kunst, sich die eigene Klarheit wieder zurückzuleihen, weil das Gedächtnis im Stress die Halbwertszeit einer Eintagsfliege hat.
Deshalb mein ganz ehrlicher Impuls – auch auf die Gefahr hin, dass wir uns dabei ein bisschen albern vorkommen: Fangt eure eigenen guten Momente ein. Schreibt eure Geschichten auf, sprecht euch selbst Sprachnachrichten auf das Handy oder schreibt einen Song darüber. Tut es nicht für Klicks, für ein Publikum oder für das Schulterklopfen von Fremden. Tut es für euer zukünftiges Ich. Denn wenn die Sicht im Alltag mal wieder komplett neblig ist, gibt es niemanden, der eure Sprache so gut versteht wie der Mensch, der sie gesprochen hat.