#19: Das Gebirge im Nebel: Über Körper, Scham und das Brechen des Schweigens

Es gibt Themen, die trägt man ein ganzes Leben lang mit sich herum. Man verpackt sie, stellt sie in die dunkelste Ecke der Seele und hofft, dass sie irgendwann einfach verschwinden. Bei mir ist es mein Gewicht, mein Körperbild und eine tief sitzende, lähmende Scham.

Ich war schon immer übergewichtig. Mein ganzes Leben lang hatte ich das Gefühl, mein Körper sei weit unter dem Mittelmaß – ein Fakt, an den mein Selbstwert so untrennbar gekoppelt war, dass es mich fast erdrückt hat. Ich dachte immer, es sei ein rein physisches Problem. Eine mathematische Gleichung: Wenn ich erst abnehme, wird alles gut.

Doch die Psyche funktioniert nicht wie eine Waage. Selbst als ich 50 Kilogramm abnahm, zog die Schranke im Kopf einfach mit um. Die Scham blieb. Das Gefühl, es nicht verdient zu haben, blieb. Seit 20 Jahren war ich nicht mehr schwimmen. Ich date nicht. Ich habe mich isoliert. Besonders als schwuler Mann in einer Community, die Körperlichkeit und Perfektion oft gnadenlos ins Zentrum stellt, lastet da ein immenser Druck auf einem. Jedes Mal, wenn ich einen attraktiven Mann sehe, blitzt kurz das Begehren auf – und im nächsten Moment schrumpft mein Selbstwert in sich zusammen, ersetzt durch Neid und die Überzeugung: „So wie du bist, hast du das Recht auf Nähe und Liebe gar nicht verdient.“

Lange Zeit lag all dieser Schmerz in einem dichten, undurchdringlichen Nebel. Doch in letzter Zeit hat sich dieser Nebel gelichtet. Und dahinter kam kein kleiner Hügel zum Vorschein, sondern ein ganzes, massives Gebirge aus alten Verletzungen. Wenn man das Schweigen bricht und endlich laut ausspricht, was so lange still war, versteht man plötzlich, aus welchen Brocken dieses Gebirge gewachsen ist.

Das emotionale Fundament: Warum der Panzer wuchs

Dieses innere Gebirge hat riesige, tief reichende Wurzelstränge. Sie liegen in meiner Vergangenheit und haben mich zu dem Schutzpanzer gezwungen, den ich heute trage.

Die Ess- und Körperfalle der Kindheit

In meiner Familie war mein Gewicht ein ständiger Konfliktherd. Mir wurde deutlich signalisiert, dass ich „dick“ sei und das mein ganz alleiniges Problem ist. Gleichzeitig erlebte ich widersprüchliche Signale: Am Geburtstag wurde mir ein weiteres Stück Kuchen verwehrt – und am nächsten Tag lagen plötzlich Süßigkeiten auf meinem Bett. Essen wurde so zu einer verbotenen Frucht, zur Bestrafung und zum heimlichen Trostpflaster zugleich. Ich habe früh gelernt, dass mein Körper falsch ist.

Der Bruch mit 11 Jahren

Bis ich elf oder zwölf war, habe ich das Freibad geliebt. Ich war in den Sommerferien gefühlt von früh bis abends dort. Doch dann kam der abrupte Bruch. Das Mobbing in der Schule nahm brutale Ausmaße an. Der Druck, mich zu vergleichen, wurde unerträglich. Und mitten in diesem Chaos merkte ich, dass ich schwul bin, während meine Freunde begannen, sich für Mädchen zu interessieren. Ich verstand die Welt nicht mehr, fühlte mich komplett isoliert und trat den Rückzug an. Alleinsein und Süßigkeiten wurden mein Schutzraum vor einer Welt, die mir nur noch wehtat. Das Freibad wurde vom Ort der Freude zum Ort der maximalen Verwundbarkeit.

Das Kerntrauma des Missbrauchs

Den schwersten Schaden nahm meine Sexualität und mein Selbstwert durch sexuellen Missbrauch in meiner Kindheit und Jugend. Ich wurde mit einer Dynamik aus Macht, Dominanz und tiefer Abwertung konfrontiert. Ich musste eine Rolle spielen, die nicht meine war; ich durfte nicht ich selbst sein, während meine Grenzen komplett überrannt wurden. Wenn die erste sexuelle Prägung so massiv von Ohnmacht besetzt ist, ist die logische Folge im Erwachsenenleben eine sexuelle Blockade. Mein System hat gelernt: „Sexualität bedeutet Gefahr und Demütigung. Lass lieber niemanden an dich heran.“

Vom Schutzmuster zum Werkzeug: Der Weg durch die Berge

Wenn ich dieses Gebirge heute so ungeschönt vor mir sehe, ist das einerseits erschreckend. Es fühlt sich riesig an. Aber es ist auch eine enorme Erleichterung. Denn was man sehen kann, das kann man auch kartografieren.

Ich weiß heute, dass mein Übergewicht und mein Rückzug im Grunde eine Rettungsstrategie meiner Seele waren. Ein dicker Panzer, der den verletzten Jungen von damals davor beschützen sollte, jemals wieder so abgewertet zu werden. Dieser Panzer hat mir damals das Leben gerettet. Aber heute sperrt er mich ein und trennt mich von den Dingen, nach denen ich mich am meisten sehne: Nähe, Berührung und echte Partnerschaft.

Ich habe mich entschieden, mich auf die Suche nach einem Weg durch dieses Gebirge zu machen. Und dabei hilft mir eine Erkenntnis über ein Verhaltensmuster, das ich eigentlich immer abgelehnt habe: das „Mitlaufen“.

Früher bedeutete Mitlaufen für mich, sich aus Angst und Selbstzweifeln anzupassen, unsichtbar zu werden und die Dinge über sich ergehen zu lassen. Doch man kann diesen Begriff auch völlig neu definieren.

Manchmal bedeutet Mitlaufen nämlich auch, sich ganz bewusst an die Fersen eines erfahrenen Bergführers zu heften.

Ein solches Gebirge durchquert man nicht allein. Sich im Rahmen einer Therapie professionelle Hilfe zu suchen, bedeutet nicht, die Kontrolle abzugeben. Es bedeutet, sich einzuseilen. Jemandem zu vertrauen, der die Spalten und Geröllhäufen kennt, während man selbst Schritt für Schritt lernt, wieder auf den eigenen Beinen zu stehen. Das vermeintliche Mitlaufen wird so zum Motor für den eigenen Mut, um sich überhaupt erst auf diese gefährlichen, verschlungenen Pfade zu begeben.

Der Weg wird nicht von heute auf morgen bewältigt sein. Aber jedes Mal, wenn ich die Scham beiseitefege und die Dinge beim Namen nenne, nehme ich ihnen ein Stück ihrer Macht. Der Nebel ist weg. Das Gebirge liegt vor mir. Und ich gehe jetzt los.

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