#2: Die Eisenkugel am Fuß: Warum mein Gehirn manchmal kurzschließt (und warum das okay ist)

Kennst du diese Momente, in denen der Alltag plötzlich implodiert? Es sind keine großen Krisen. Es sind die winzigen Dinge, die gleichzeitig passieren. Ein klassisches Szenario: Ich muss dringend auf Toilette, genau in dem Moment piept die Waschmaschine, weil sie fertig ist, und eigentlich hatte ich mir gerade fest vorgenommen, endlich den Flur zu staubsaugen.

Drei völlig banale Dinge. Und in meinem Kopf? Absolute Kernschmelze.

Es entsteht eine plötzliche, heiße Wut, ein riesiger Frust und der überwältigende Drang, einfach alles stehen und liegen zu lassen, mich umzudrehen und zu gehen. Lange Zeit dachte ich, ich sei in solchen Momenten einfach nur überempfindlich oder unorganisiert. Mittlerweile weiß ich: Mein Nervensystem zieht in diesem Moment schlicht die Notbremse.

Wenn man beginnt, laut über diese Dinge nachzudenken, merkt man erst, wie viel System hinter diesem scheinbaren Chaos steckt.

Für die Organisation unseres Alltags ist im Gehirn ein Bereich zuständig, den man sich wie ein Chefsekretariat vorstellen kann – die sogenannten exekutiven Funktionen. Sie filtern Reize, setzen Prioritäten und sagen: „Erst A, dann B, dann C.“

Bei mir filtert dieses Sekretariat oft nicht automatisch. Wenn drei Reize gleichzeitig anklopfen, rufen alle drei mit der gleichen Lautstärke: „Ich bin am wichtigsten!“ Das System blockiert. Entscheidungsparalyse.

Das Spannende – und gleichzeitig Anstrengende – ist, dass dieses Muster nicht nur bei lästigen Pflichten anspringt. Ich merke es sogar bei Dingen, die ich eigentlich liebe. Zum Beispiel beim Lego-Bauen. Ich nehme mir vor, einen Gehweg zu bauen. Das erfordert ein paar gleichförmige, repetitive Schritte. Mein Kopf schüttet dabei nicht genug Belohnungshormone aus. Also sieht mein Auge eine andere Ecke, ich fange an, eine kleine Bank zu bauen, und dann noch etwas anderes. In der Videospiel-Sprache nennt man das „Side-Questing“. Am Ende des Tages steht die Bank, aber der Gehweg ist unberührt.

Oder beim Schreiben: Oft kann ich mich kaum auf den aktuellen Satz konzentrieren, weil mein Gehirn im Hintergrund schon den gesamten restlichen Text, die Absätze und das Fazit zusammengewürfelt hat. Das Denken überholt die Umsetzung. Es ist, als wolle man ein Formel-1-Auto in einer Spielstraße parken.

Dass diese Blockaden so schnell in Frust und Wut umschlagen, hat auch biografische Gründe. In meinem Elternhaus galt die eiserne Regel: Aufgaben müssen immer sofort erledigt werden. Wenn ich etwas aufgeschoben habe, gab es Streit.

Mein Nervensystem hat daraus eine tiefe Verknüpfung gelernt: Etwas nicht sofort zu tun, bedeutet Gefahr.

Wenn ich heute im Beruf vor zwei Aufgaben gleichzeitig stehe, gerate ich innerlich in Panik – und das völlig ohne äußeren Zeitdruck. Da ich physikalisch nicht beide Dinge jetzt sofort tun kann, feuert das alte Kindheits-Programm ein Alarmsignal ab. Warten ist mit Angst verknüpft. Also entsteht dieser enorme, künstliche Druck, der mich am Ende paradoxerweise dazu bringt, nach einer völlig neuen, dritten Aufgabe zu suchen, nur um dem Stress der ersten beiden zu entkommen.

Macht mich das im Alltag handlungsunfähig? Nein. Ich funktioniere. Ich erledige meine Arbeit, ich kriege meinen Alltag geregelt. Aber der Preis dafür ist verdammt hoch.

Weil mein Gehirn die Reize (die Waschmaschine, den nächsten Satz, die zweite Aufgabe) nicht von alleine ausblendet, muss ich diesen Filter jeden Tag manuell hochhalten. Jeder Schritt gegen den Impuls, jede Entscheidung, beim Gehweg zu bleiben oder die Ruhe bei der Arbeit zu bewahren, kostet pure Willenskraft. Mein mentaler Prozessor läuft permanent auf 100 Prozent, selbst wenn ich nur ruhig am Schreibtisch sitze.

Die logische Konsequenz? Massive mentale Erschöpfung am Feierabend. Wenn der Tag vorbei ist, ist der Akku nicht nur leer – er ist tiefenentladen.

Früher habe ich mich oft dafür verurteilt, dass ich abends oft nur noch vor dem Fernseher oder einer Konsole sitze und mediale Berieselung brauche. Ich dachte, das sei unproduktive Flucht. Heute sehe ich das anders: Es ist funktionale Selbstregulation.

Ein reizoffenes Gehirn findet in der Stille oft keine Ruhe. Sobald es im Außen leise wird, wird es im Kopf erst richtig laut. Das Gedankenkarussell springt an.

Medien funktionieren hier nach dem Prinzip „Lärm gegen Lärm“. Der kontrollierte, externe Reizstrom einer Serie oder eines Spiels besetzt die vorderste Reihe meines Arbeitsgedächtnisses. Mein Kopf ist so damit beschäftigt, diese Bilder zu verarbeiten, dass er keine Kapazität mehr hat, um über unerledigte Aufgaben oder alten Druck nachzugrübeln. Es ist der einzige Moment, in dem die Eisenkugel kurz abgelegt werden darf.

Zu verstehen, dass diese Dynamik aus neurobiologischen Strukturen (wie man sie auch bei ADS findet) und gelernten Mustern der Kindheit entsteht, hat vieles verändert.

Es ist keine Schwäche, keine Faulheit und keine mangelnde Disziplin. Es ist die logische Folge einer täglichen, mentalen Höchstleistung. Die Eisenkugel wird dadurch vielleicht nicht sofort leichter – aber man hört auf, sich dafür zu hassen, dass das Gehen mit ihr manchmal so verdammt anstrengend ist.

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