#4: Wenn der innere Projektmanager ungefragt Überstunden macht

Kennt ihr dieses Geräusch im Kopf? Dieses leise „Klick-Klack“, gefolgt von einem hochfrequenten Summen, sobald jemand im Freundeskreis auch nur ansatzweise ein Problem erwähnt?

Bei mir lief dieses Geräusch jahrelang in Dauerschleife. Ich nenne es mein internes Problem-Suchradar. Und lange Zeit dachte ich, dieses Radar sei meine größte Stärke als Freund. Spoiler: Es ist vor allem verdammt anstrengend.

Stellt euch vor, ein guter Kumpel – nennen wir ihn Ben – sitzt bei mir auf dem Sofa. Er wirkt bedrückt und erzählt mir, dass er in seinem Job gerade absolut unglücklich ist. Der Chef nervt, die Aufgaben öden ihn an, er fühlt sich festgefahren.

Was macht mein Gehirn in genau diesem Moment? Es schmeißt die Warnleuchten an und startet das Notfallprogramm. Während Ben noch redet, bin ich im Kopf schon drei Schritte weiter:

  • Ich überlege, welche Jobbörsen gerade die besten Stellen haben.
  • Ich formuliere im Geist schon die Einleitung für sein neues Anschreiben.
  • Ich will ihm am liebsten noch am selben Abend ein Excel-Sheet zur Karriereplanung anlegen.

Mein innerer Projektmanager übernimmt das Steuer. Vollgas voraus. Ich will machen, tun, retten, organisieren. Schließlich will ich ein guter Freund sein.

Aber worum hat Ben eigentlich gebeten? Um gar nichts davon.

Er wollte einfach nur mal Dampf ablassen. Er wollte einen Raum, in dem er sagen darf: „Alles gerade richtig mistig“, ohne direkt einen Fünf-Punkte-Plan serviert zu bekommen.

Warum tun wir das? Warum fällt es uns so unglaublich schwer, einfach nur dazusitzen, zuzuhören und das Problem des anderen nicht sofort lösen zu wollen?

Wenn ich ganz ehrlich in mich hineinhöre, stolpere ich da immer wieder über ein ganz altes, hartnäckiges Muster: Der Glaube, ich sei nur dann wertvoll, wenn ich etwas leiste.

Unbewusst flüstert mir dieses Muster zu: „Wenn du das Problem jetzt nicht reparierst, bist du als Freund nutzlos. Wenn du nicht funktionierst, verlierst du deinen Wert.“

Das ist eine emotionale Einbahnstraße. Wir laden uns Berge von Verantwortung auf, die uns überhaupt nicht gehören. Und das Schlimmste daran: Wir nehmen dem anderen ungewollt die Kontrolle. Wir machen ihn zum „Projekt“, statt ihn einfach als Mensch zu sehen, der gerade eine schwere Phase durchmacht.

Ich lerne gerade, dieses Radar rechtzeitig abzuschalten. Den inneren Projektmanager mal in den unbezahlten Urlaub zu schicken. Das ist am Anfang verdammt ungewohnt. Es fühlt sich fast wie Nichtstun an, wie Versagen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Einfach nur da zu sein, zuzuhören und zu sagen: „Ich höre dich. Das klingt echt verdammt hart und es tut mir leid, dass du da gerade durchmusst“ – das ist kein Nichtstun. Das ist emotionaler Raum. Und der ist oft viel wertvoller als jede Excel-Tabelle.

In Zukunft versuche ich es mit einer einfachen Frage, bevor der Projektplaner losrennt:

„Ich bin voll und ganz für dich da. Brauchst du gerade einfach jemanden, der dir zuhört, oder wollen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen?“

Wir müssen uns unseren Platz im Leben unserer Lieblingsmenschen nicht durch ständige Schadensregulierung erkaufen. Manchmal reicht es völlig aus, einfach nur der Anker im Sturm zu sein – ganz ohne Werkzeugkoffer.

1 Kommentar zu „#4: Wenn der innere Projektmanager ungefragt Überstunden macht“

Schreibe einen Kommentar