Wir leben in einer Welt, die uns ständig entgegenschreit, dass wir nicht genug sind. Schneller, schlanker, produktiver. Optimier dich, optimiere deinen Schlaf, deine Schritte, deine Makronährstoffe – sonst verpasst du dein Leben. Lange Zeit habe ich dieses Spiel nicht nur mitgespielt, ich habe es perfektioniert. Ich saß an der Spitze meiner eigenen, inneren Kontrollbehörde.
Heute, mit etwas Abstand, kann ich es laut aussprechen: Es war kein gesundes Leben. Es war ein Gefängnis aus nackten Daten.
Die Illusion der perfekten Kontrolle
Es fing alles ganz harmlos an. Mit dem Wunsch, fitter zu werden, mich gesünder zu ernähren. Ich verlor fast 50 Kilogramm. Ein Erfolg, oder? Für die Außenwelt vielleicht. Für mich war es der Beginn einer permanenten, paranoiden Überwachung meiner selbst. Wer jahrelang Übergewicht hatte, trägt eine riesige Angst in sich, wieder dorthin zurückzufallen. Und genau dieser Druck hat die Kontroll-Spirale komplett durchdrehen lassen.
Mein Leben wurde zu einer Excel-Tabelle:
- Ernährung im Belagerungszustand: Jedes Gramm Essen wurde abgewogen, jede Kalorie protokolliert, Uhrzeiten strikt eingehalten. Intervallfasten, immer mehr Verbote, Lebensmittel wurden in „gut“ und „böse“ unterteilt.
- Die Diktatur der Waage: Das Erste, was ich morgens sah, war eine Zahl auf dem Display. Mehrfach am Tag stieg ich auf dieses Stück Glas auf dem Badezimmerboden. Diese Zahl hat unerbittlich darüber entschieden, ob ich einen guten Tag haben durfte oder ob ich mich selbst hassen musste.
- Die totale Überwachung: Schritte zählen, Schlaf tracken, Wassertrinken protokollieren. Mein Wohlbefinden wurde komplett externalisiert.
Das Ende vom Lied? Totale soziale Isolation. Wenn du Verabredungen mit Freunden absagst, weil du dort deine starren Vorgaben nicht einhalten kannst, merkst du, dass die Optimierung dich nicht frei macht – sie isoliert dich. Am Ende entstand eine Essstörung, die mich psychisch komplett gebrochen hat. Die biologische Notbremse meines Körpers, der sich die verwehrte Energie über Fressattacken zurückholen musste.
Die Rettung kam nicht per App
Der Wendepunkt war kein neues Software-Update, sondern der schmerzhafte und mutige Schritt, mich für drei Monate in eine psychotherapeutische Klinik zu begeben. Dort habe ich gelernt, die Trümmer dieser Zahlen-Diktatur wegzuräumen.
Die Waage ist längst verbannt. Das Ernährungstracking auch. Aktuell erlaube ich mir wieder Freiheit, und ja, das geht auch mit Gewichtsschwankungen einher. Das ist verdammt ungemütlich und erfordert unendlich viel Geduld. Nach Jahren der Unterversorgung muss mein Körper erst wieder lernen, dass keine Hungersnot mehr droht. Es dauert Jahre, ein normales Gefühl für Essen zurückzugewinnen. Aber es ist der einzige Weg.
Das digitale Gaslighting am Morgen
Ein letztes Relikt dieser Zeit hat mich allerdings bis vor Kurzem noch begleitet: mein Fitnesstracker. Und erst vor ein paar Tagen ist mir die absolute Absurdität dieses Teils so richtig bewusst geworden.
Kennst du das vielleicht auch? Du wachst morgens auf, streckst dich, fühlst dich eigentlich ganz gut und erholt. Dann der Blick aufs Smartphone und die Push-Nachricht: „Dein Schlaf war heute mangelhaft.“ Und plötzlich fängt der Kopf an zu raten. Das ist digitales Gaslighting in Reinform. Eine Maschine maßt sich an, meine eigene, körperliche Wahrnehmung zu überschreiben. Ich hatte Panik, wenn der Akku leer war und mein Schlaf oder meine Schritte nicht gezählt wurden – als wäre die Bewegung ohne den digitalen Beweis wertlos gewesen.
Damit ist jetzt Schluss. Ich mache einen radikalen Schnitt.
Der Tracker kommt ab, die App wird gelöscht. Ich verhandele nicht mehr mit Algorithmen um meine Lebensqualität.
Platz für die analoge Freiheit
Sich von diesen Trackern und Zwängen zu trennen, fühlt sich im ersten Moment verdammt nackt und unangenehm an. Das Gehirn schreit nach der gewohnten Scheinsicherheit der Daten. Aber genau in dieser anfänglichen Leere entsteht überhaupt erst wieder der Platz für das, was wirklich zählt: mein eigenes, unzensiertes Körpergefühl.
Anstelle der Smartwatch wird demnächst wieder eine ganz klassische, analoge Uhr oder ein einfaches Armband mein Handgelenk zieren. Nicht, um mir zu sagen, wie viele Schritte ich noch gehen muss, um „gut genug“ zu sein. Sondern als haptischer Anker und Symbol dafür, dass meine Zeit wieder mir gehört.
Ich tausche die fehlerhafte Bestätigung einer Maschine gegen das tiefe Vertrauen in mich selbst. Und dieses Vertrauen braucht kein Software-Update.