#20: Vom Gesamtkunstwerk zum Gebrauchtwagen: Wenn Dating zum TÜV-Termin wird

Manchmal fangen Geschichten im Online-Dating genau so an, wie man es sich wünscht. Man schreibt sich, die Wellenlänge stimmt ab der ersten Sekunde, es ist leicht, es ist lustig, und ja – es knistert ein bisschen. Ein wunderbarer digitaler Abend, der mit einem warmen Gefühl und einem lächelnden „Gute Nacht“ endet.

Und dann, kurz bevor das Display schwarz wird, ploppt sie auf. Die eine Frage, die den ganzen schönen Vibe mit der Wucht einer kalten Dusche wegspült:

Bumm. Da steht sie. Eine nackte Zahl wird eingefordert.

Die Sehnsucht nach dem Datenblatt

Im ersten Moment zieht sich alles zusammen. Bei Themen wie dem eigenen Körper und dem Gewicht schwingen oft jahrelange Begleiter mit: Scham, Selbstzweifel und die Angst, nicht in die gängigen Raster zu passen. Wenn dann so eine Frage einschlägt, setzt sofort der emotionale Selbstschutz ein. Man tritt instinktiv einen Schritt zurück.

Das Paradoxe daran: Es gibt Profilbilder. Die Wahrheit liegt offen auf dem Tisch. Ich bin dick, das ist kein Geheimnis. Warum also diese Frage?

Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Kontrollwahn und Katalog-Mentalität. Viele Menschen auf Dating-Plattformen scheinen verlernt zu haben, sich auf die Lebendigkeit eines echten Gegenübers einzulassen. Sie brauchen harte, flache Fakten. Eine Zahl, um den Menschen in die vermeintlich „richtige“ mentale Schublade zu sortieren. Als könnte man Ausstrahlung, Humor und die Chemie zwischen zwei Menschen jemals in Kilogramm messen.

Der Rücktritt vom Kaufvertrag

Man hat in solchen Momenten immer eine Wahl. Spielt man das Spiel mit? Rechtfertigt man sich? Liefert man die Daten, in der Hoffnung, die „TÜV-Prüfung“ zu bestehen?

Nein. Denn wir sind keine Gebrauchtwagen, bei denen man vor dem Kauf erst mal den genauen Kilometerstand und die Mängelkarte abfragen muss. Wir sind Gesamtkunstwerke mit einer Geschichte, mit Tiefgang und Gefühl.

Manchmal ist die beste Reaktion nicht die Flucht, sondern eine klare, selbstbewusste Ansage – mit einem Augenzwinkern, das dem Gegenüber elegant den Spiegel vorhält.

Mein Fazit

Sich verletzlich zu machen und wieder in die Dating-Szene einzutauchen, erfordert Mut. Aber es bedeutet nicht, dass man an der Garderobe seine Grenzen abgeben muss.

Wer mich auf eine Zahl reduzieren will, verpasst das Beste: den Menschen dahinter. Und genau an diesem Punkt schalte ich verdammt gerne einen Gang zurück – oder biege direkt in eine ganz andere Straße ab.

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